Wenn’s kritisch wird – Substanzstörungen

Substanzstörungen

Drogen haben durchaus auch positive Wirkungen. Denn sonst würde es wohl kaum dazu kommen, dass sie bis zur Abhängigkeitsentstehung immer wieder konsumiert werden. Bei Personen mit entstandener Abhängigkeit jedoch überwiegen zumindest objektiv die negativen Konsequenzen (Bsp.: Vernachlässigung anderer Lebensbereiche, Gesundheitsgefährdung, Kontrollverlust, …). Abhängigkeit kann sowohl psychisch (u.a. starkes Verlangen nach der Droge = Craving = Suchtdruck) als auch physisch (u.a. Entzugssymptomatik mit Schweiß, Krämpfen etc. bei Ausbleiben der Drogenzufuhr) bestehen.

Ab wann spricht man von Abhängigkeit? Wann beginnt schädlicher Gebrauch?

Wie kann die Entstehung von Abhängigkeit erklärt werden?

Physiologie

Veränderte Bedingungen führen auf zellulärer Ebene zu einer Anpassung des Organismus (Plastizität). Das merkt man beim Mechanismus der Toleranzentwicklung.

Tiermodell

Um Mechanismen der Suchtentstehung zu erklären, kann im Tiermodell versucht werden Sucht auszulösen. So können Theorien über die Entstehung, Verlauf und Therapie von Suchterkrankungen abgeleitet werden.

Lerntheorien

Klassische Konditionierung (Verknüpfung von Emotionen zu neutralen Stimuli)

Operante Konditionierung (Belohnung und Bestrafung)

Modelllernen (Vorbild anderer)

Hohes Abhängigkeitspotenzial von Kokain durch zelluläre Änderungen?

Erklärungsanstöße für das hohe körperliche Abhängigkeitspotenzial von Kokain liefern Befunde, welche die Droge mit durch einen Wachstumsfaktor vermittelter erhöhter neuronaler Plastizität (= struktureller Umbau des Gehirns) in Verbindung bringen (Li und Wolf 2015). Dieser Booster verankert die Abhängigkeit durch Kokain also schnell im Gehirn und ein Gegenmittel, dass die Rückführung ebenso schnell ermöglicht, gibt es nicht.

Konditionierung: Mensch verknüpft ausgelassene Gemeinschaft mit Gesellschaftsdroge

Mittels Ansätzen klassischer Konditionierung und Manipulation des Dopaminstoffwechsels des zentralen Nervensystems versuchten Carey, Carrera und Damianopoulos (2014) einen Eindruck in die Entstehung von Abhängigkeit zu gewinnen. Klassische Konditionierung könnte auch beim Menschen eine Rolle spielen (Dinc & Cooper, 2015). Dadurch, dass Alkohol oft gemeinsam mit ausgelassener gesellschaftlicher und eigener Stimmung erlebt wird, bekommt der Genuss per se eine Art positive Färbung.

Welchen Einfluss haben Hinweisreize? – Craving

Bei der Betrachtung und dem Verständnisaufbau von Substanzstörungen darf nicht vergessen werden, dass Droge und Individuum sowohl eine psychische als auch physische Bindung eingehen. Die Bindung ist stark und kennzeichnet sich durch zelluläre und emotionale Änderungen. Die Bindung ist wichtig für die Person und der Prozess der Loslösung kann dauern und bedarf auch eines Alternativplans. Craving wird zu Deutsch oftmals mit Suchtdruck übersetzt und bedeutet, dass Personen einen starken Drang zum Konsum verspüren. Damit einhergehen motivationale Prozesse, welche sich zum Beispiel in aktiver Suche oder Besorgung der Substanz zeigen. Craving kann verschieden ausgelöst werden – ein vertrauter Duft, das Beobachten von Konsum oder durch die Einfachheit der Konsummöglichkeit, …

Jasinska et al. (2014) bestritten einen Ansatz zur Untersuchung von Craving durch Darbietung visuelle Hinweisreize. Mittels Bildgebung wurde die automatische Reaktion des Gehirns erfasst. Erlebtes ist im Gehirn durch Aktivierung beobachtbar. Die Autoren beschreiben ein Modell, wonach Craving (Suchtdruck) und Drogenkonsum durch Hinweisreize getriggert werden. Und zwar umso stärker je größer die neuronale Reaktivität auf diese Hinweisreize ist (z.B. im mesolimbischen System). Die physiologische Empfänglichkeit, erfasst durch die Ausprägung der Aktivierung von Hirnarealen als Antwort auf visuelle Hinweisreize, stellt einen Einflussfaktor für den empfundenen Suchtdruck und Drogenkonsum dar. Andere von Jasinska et al. (2014) dargestellte Faktoren sind die Verfügbarkeit der Droge sowie individualspezifische Bedingungen. Wenn jemand besonders anfällig ist Pathologie zu entwickeln (hier: mit starker Hirnaktivierung auf Hinweisreize zu reagieren), so bezeichnet man das als vulnerabel.

Die Metaanalyse von Chase, Eickhoff, Laird und Hogarth (2011) erwähnt vor allem die Rolle der rechten Amygdala und des mittleren frontalen Cortex als Hirnstrukturen, deren Aktivierung in Zusammenhang mit Craving steht.

Yalachkov, Kaiser und Naumer (2012) zeigen, dass vor allem Hinweisreize, die nicht nur eine, sondern mehrere Sinnesmodalitäten ansprechen, zu höherer neuronaler Aktivität und Craving führen. Aus diesem Grund ist ein Rückfall im alten Umfeld (visuelle Umgebung, Geruch, freundschaftlich bekannter Austausch, gleiche Musik und Verknüpfung all dessen mit Drogenverfügbarkeit und dem Kick) auch besonders wahrscheinlich. Fatseas, Serre, Alexandre, Debrabant, Auriacombe, & Swendsen (2015) zeigen, dass sowohl personen- (Bsp.: persönliche drogenassoziierte Gegenstände oder Personen) als auch substanzbezogene Hinweisreize Einfluss auf Cravinghäufigkeit haben. Des Weiteren zeigen Sie, dass die Stärke des Verlangens wiederum Einfluss auf den Konsum hat. Wenn das Verlangen durch all diese Hinweisreize so stark ist, so ist es auch besonders schwer hier zu widerstehen. Kommen mehrere dieser Hinweisreize zusammen, wird es umso schwerer dem Craving standzuhalten.

Epigenetische Erklärungen werden für die Entstehung von Abhängigkeiten herangezogen. Philibert und Erwin (2015) liefern einen Überblick bisheriger Befunde. Wer meint Sucht hat immer nur mit Charakterschwäche zu tun, macht sich das Leben etwas zu einfach. Sowohl lebensgeschichtliche als auch genetische Faktoren können ungünstig zusammenspielen. Denkbar ist sogar, dass genetische Änderungen nicht nur die Suchtentstehung beeinflussen, sondern auch weiterführenden Einfluss haben. Zum Beispiel auf die Wahrscheinlichkeit, als Raucher eine Folgekrankheit (z.B. Bluthochdruck) zu entwickeln. Aber natürlich besteht auch unter Annahme widriger genetischer Faktoren die Möglichkeit sich Hilfe zu holen und nach Alternativen Ausschau zu halten.

Würdigung des inneren Abhängigkeitskampfes

Mittels Motivational Interviewing kann bei Personen mit Abhängigkeitsproblematik Ambivalenz erzeugt werden und somit implizite (selbst gewollte) Änderungsmotivation geschaffen werden. Es ist wichtig, dass jeder selbstbestimmt Entscheidungen treffen darf. Denn eine Änderung des Lebensstils ist arbeitsaufwändig und benötigt Eigenmotivation und Selbstregulation.

Motivational Interviewing ist ein leicht durchzuführender und doch sehr effektiver erster Schritt (Jensen, Cushing, Aylward, Craig, Sorell & Steele, 2011).

Die guten Argumente gehen nie aus

Selbst wenn Ambivalenz besteht – und das passiert in verschiedenen Situationen ständig – neigt man doch dazu diesen Spannungszustand durch kognitive Umbewertung zu reduzieren. Eine Situation in der Ambivalenz entstehen kann, wäre zum Beispiel der Streit mit dem Partner nach zu hohem Konsum (Ambivalenz entspricht dem persönlichen Zweifel an der Richtigkeit des ausgeführten Verhaltens). Dies stellt nun ein Problem dar, da man eigentlich gerne die richtigen Entscheidungen trifft. Um mit diesem unangenehmen Zustand umzugehen, beginnt man Argumente zu sammeln, die für das eigene Verhalten sprechen. Unangenehme Folgen werden als weniger dramatisch dargestellt oder man bezieht sich auf Einzelfälle, um der Konfrontation mit der Realität aus dem Weg zu gehen (vgl. kognitive Dissonanz).

Man macht das also so? Was ist mit Ihnen?

Das ist komplett menschlich und daher jedem vertraut –  „Helmut Schmidt hat sein ganzes Leben geraucht und wurde 96 Jahre alt.“

Es wird nicht möglich sein, dass Sie diese Strategien zur Reduktion von Spannungszuständen komplett verlassen und ist auch überhaupt nicht notwendig, denn dieses Verhalten dient Ihnen auch als natürlicher Schutzfaktor. Aber dieses Wissen kann unter Umständen dabei helfen Umbewertungen zu identifizieren und den Prozess nicht automatisiert und ungefiltert, unreflektiert ablaufen zu lassen.

Argumente gegen Konsum in der Schwangerschaft

Einen aktuellen Überblicksartikel wie sich die legalen Substanzen Alkohol und Zigaretten auf die Kindesentwicklung auswirken, liefern Polanska, Jurewicz und Hanke (2015). Sie kommen zum Schluss, dass die neuronale Entwicklung (= Ausbildung des Gehirns) besonders beeinträchtigt ist. Alkohol stört vor allem den Proteinstoffwechsel, die toxischen Bestandteile des Zigarettenrauchs u.a. die Ausbildung von Synapsen und den Sauerstofftransport. Daneben kann Substanzgebrauch in der Schwangerschaft zu fehlerhaften Organanlage und -entwicklung beim Kind führen.

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